Downloads

Programmfolder 2018 downloaden

Plakat 2018 downlaoden

Toblacher Thesen 2018 downloaden

Einführung und abschlißende Überlegungen

Thesen zu den Toblacher Gesprächen 2018


Wo bleibt das solare Zeitalter? Von den Hindernissen
und Aussichten der Energiewende

1. Die globale Energiewende ist für den Fortbestand menschlichen
Lebens, wie wir es heute kennen, zwingend notwendig. Ohne die
vollständige Transformation bis Mitte dieses Jahrhunderts von einem
fossilen und nuklearen zu einem nachhaltigen Energiesystem, das
Sonne, Wind, Biomasse, die Wärme der Erde und die Gezeiten nutzt
und ohne die Halbierung des Energiekonsum bei Strom, Wärme und
Verkehr, wird der menschengemachte Klimawandel in den
kommenden Jahrzehnten weltweit die Bedingungen eines
menschenwürdigen Lebens in Gemeinschaft zerstören.

2. Das Ausmaß der anstehenden notwendigen Transformation ist
dramatisch. Heute, im Jahre 2018, werden noch rund 85% des
globalen Energiebedarfs mit fossilen und nuklearen Brennstoffen
gedeckt. Die Notwendigkeit der Energiewende ist seit drei Jahrzehnten
allgemein anerkannt; wie sie zu gestalten wäre, wird aber erst in
jüngerer Vergangenheit deutlich. Dabei hat die Wissenschaft nicht nur
das Ausmaß der Bedrohung, sondern auch die möglichen Pfade hin
auf eine nachhaltige Zukunft aufgezeigt. Die gesamte
Weltgemeinschaft hat mit dem Pariser Abkommen dafür den
völkerrechtlichen Rahmen gesetzt.

3. Die Energiewende ist eine beispiellose Herausforderung, aber sie ist
machbar. Die heute zur Verfügung stehenden Technologien sind
hinreichend für eine Transformation unseres fossilen zu einem
nachhaltigen Energiesystem. Innovationen wie etwa Smart Grid
machen eine systemübergreifende Energiewende möglich, sie sind
nötig, um Europa konkurrenzfähig zu erhalten. Die anstehenden
Maßnahmen sind auch wirtschaftlich, allemal wenn die wirklichen
gesellschaftlichen Kosten der fossilen Energieträger, also auch die
Umweltzerstörung und die Gesundheitsschäden in die Betrachtung
ebenso einbezogen werden, wie die den Wettbewerb verzerrenden
massiven Subventionen fossiler Treibstoffe.
Gegen die lokalen Auswirkungen von emissionsintensiven und
klimaschädlichen Projekten existieren heute weltweit tausende von
Widerstandsbewegungen. Die breite Mobilisierung der Bevölkerung vor
Ort gegen das fossile Energiemodell ist eine treibende Kraft der
Energiewende.

4. Die Umsetzung der Energiewende kennt viele Hindernisse und
Bremser. Es wird kurzfristig Verlierer geben und es ist wichtig, das
anzuerkennen und im Sinne einer gerechten Transformation darauf
einzugehen. Win-win Situationen gibt es auch bereits unter den
gegenwärtigen Rahmenbedingungen, aber sie sind nicht die Regel.
Eine Anpassung dieser Rahmenbedingungen erscheint jedoch
notwendig, damit Umweltbelange sich stärker in Preisen ausdrücken,
Bürger und Kommunen stärker ökonomisch teilhaben können und
somit die Akzeptanz vor Ort gestärkt wird. Eine wirksame CO2-
Bepreisung erlaubt es zudem, die Verteilungsprobleme im Übergang
zu adressieren und entstehende Belastungen für Teile der Wirtschaft
und einkommensschwache Haushalte auszugleichen – so wie dies
bereits gängige Praxis u.a. in Schweden oder der Schweiz ist. In der
Summe schafft die Energiewende mehr Wohlstand und ein besseres
Leben.

5. Die Politik spielt jedoch gegenwärtig in der Energiewende auf allen
Ebenen nur noch eine schwache Rolle: lokal, national und
international. Es gibt aber bemerkenswerte Ausnahmen von
beispielhaften Vorreiterstädten und -gemeinden, wie Zürich und die
2000-Watt-Gesellschaft oder die 100% Erneuerbare-Energie-Städte,
über regionale Entwicklungen in Kalifornien - weltweit siebtgrößte
Industriemacht – bis hin zu beachtenswerten Energiewende-Ansätzen
in China. Das Pariser Abkommen ist der internationale
Hoffnungsschimmer für die globale Energiewende.

6. Polemische Urteile ob der Unfähigkeit politischer Entscheidungsträger,
die Zeichen der Zeit zu erkennen, helfen nicht weiter. Vielmehr
müssen wir umfassende, einprägsame und überzeugende Szenarien
entwickeln, welche die Strategien, notwendigen Maßnahmen und
Aktionen in einen schlüssigen Zusammenhang bringen. Sinn und
Unsinn einzelner politischer Entscheidungen müssen sich, ebenso wie
partikulare Interessen und Aktionen sozialer Bewegungen, an dieser
integrierten Gesamtschau messen.

7. Die Entwicklung dieser übergreifenden Vision eines solaren Zeitalters,
seiner Notwendigkeit, seiner Machbarkeit, seiner Wünschbarkeit sowie
des Wegs dorthin ist die Verantwortung aller Akteure: sozialer
Bewegungen, von Expertinnen, interessierten Bürgerinnen und
Bürgern und von Entscheidern aus Politik und Wirtschaft. Die
Toblacher Gespräche und andere Denkwerkstätten dienen dazu, sich
über die verschiedenen Diskurse als Teile einer übergreifenden Vision
auszutauschen, sie aus dem Elfenbeinturm des Expertenwissens
hervorzuholen, und die Wirklichkeit der Energiewende in diesen
Erzählungen verständlich, überzeugend und einprägsam Gestalt
werden zu lassen.

8. Die Pflicht, die Welt vor einer Klimakatastrophe zu retten, um den
Jüngeren unter uns und den kommenden Generationen ein
menschenwürdiges Leben auf dieser Erde zu ermöglichen, ist als
Beweggrund entschieden zu schwach, um Menschen zum Handeln zu
motivieren. Nur ein Prozent fährt zum Beispiel der Umwelt zu Liebe
Fahrrad, die anderen neunundneunzig, weil sie schneller am Ziel sind,
es billiger und gesünder ist. Wir müssen deshalb bei der Energiewende
von den Lebenswelten der Betroffenen ausgehen und den Beitrag zur
Erhaltung des Erdklimas und einer intelligenten Energiezukunft
einbetten in die berechtigten Wünsche nach einer schöneren und
gesünderen Umwelt, einer funktionierenden Infrastruktur,
Arbeitsplätzen, Versorgungssicherheit, erschwinglichen Wohnraum
und andere ebenso partikulare wie legitime Interessen. Dadurch
zeigen sich in der Regel hohe und greifbare Nutzeneffekte, mit denen
die ebenfalls entstehenden Kosten besser eingeordnet werden können.
Energiewende ist, wenn sie gelingen soll, wesentlich auch eine
kulturelle Transformation von Lebens- und Gemeinschafsformen, die
es im Denken, im Diskurs und vor allem im Handeln voranzutreiben
gilt.

An der vorliegenden Fassung der Thesen, die auf einen Entwurf von Karl-Ludwig
Schibel zurück gehen, waren Martina Blum, Marica Di Pierri, Felix Ekardt, Bernd
Hirschl, Stephan Kohler, Andreas Löschel, Hans Mönninghoff, Klaus Münschen,
Wolfgang Sachs, Hans Schmieder und Silvia Zamboni beteiligt. Keine der
genannten Personen ist völlig mit dem Gesagten identisch, aber auch das scheint
ganz im Sinne der Toblacher Gespräche.


Toblach, 13. Oktober 2018

MENÜ